Schüler im Ausland

Sonja Rogusch, ein Jahr Japan




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Inhalt
Vorstellung
Japan in Kurzform
Schule in Japan
Fazit

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Sonja geht in die zwölfte Klasse des WDG's. Sie war ein Jahr auf der anderen Seite der Welt, in Japan. Zurück in Deutschland erzählt sie von Ihren Erlebnissen.



Vorstellung

Ich bin Sonja Rogusch, gehe in die zwölfte Klasse des Wilhem-Dörpfeld-Gymnasiums und war von März 1998 bis Februar 1999 für ein Jahr als Austauschschülerin mit AFS in Japan. Mein Stufenleiter Herr Peikert hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, einen Eindruck meines Austauschjahres für die Websites des WDG aufzuschreiben. Ein Jahr ist ziemlich lang und Japan ziemlich anders. Es ist gar nicht so einfach auszuwählen, worüber man schreibt.

Japan in Kurzform für mich

Palmen, Korallenriffe und weißer Sand auf Okinawa im Süden, 7 Meter Schnee auf Hokkaido im Norden, die Ballungszentren Tokyo, Yokohama, Osaka und Nagoya mit zusamman fast 20 Mio. Menschen in der Mitte (d.h. Häuser und Hochhäuser soweit das Auge reicht), Bambuswälder und Reisfelder, Stäbchen und täglich Reis, Fisch (nicht nur roh) und Tee, Linksverkehr, brechend volle S-Bahnen zur Rush-hour, heißes Baden am abend, anstatt Duschen am morgen ;
Shintoismus und Buddhismus (dementsprechend viele Tempel und Schreine), mehr Kultur und Tradition als bei uns, unglaublich viele Festivals im Sommer ;
Geregelte Tagesabläufe (fehlende Spontanität?) und starkes Pflichbewusstsein (man überlegt wenig, "was will ich tun", vielmehr ist klar, was man zu tun hat), klare Rollen (es gibt nichts Selbstverständlicheres, als dass die Mutter das Abendessen kocht und der Vater von morgens früh bis abends spät, meistens 22-24 Uhr, arbeitet), ein "sich selbst nicht so wichtig nehmen", kindliche Gemüter, alles in allem ziemlich anders.
Japan in ausfürhlich würde wohl ein Buch mit mehreren Bänden werden.


Schule in Japan

Ich habe zuerst in Osaka, dann in Kyoto, der alten Kaiserstadt, gelebt. Meine Schule war eine ziemlich bekannte (und teure) Privatschule in Kyoto. Weil das hier ja die Hompage einer Schule ist, dachte ich, dass ich ein bißchen ausführlicher von meinem Schulleben erzähle. Wie schon gesagt, war ich auf einer Privatschule und dementsprechend sahen die Geldmittel dort aus. Der Eingangsbereich erinnerte eher an den einer gut laufenden Firma, als an den einer Schule. Es gab Teppichboden und jeder Schüler hat sich am Eingang die Straßenschuhe aus und Hausschuhe angezogen (das wird inJapan allerdings fast überall gemacht).
Die Klassen hatten im Durchschnitt 45 Schüler und der Stundenplan ging bis nachmittags um 16 Uhr. Die Einstellung zur Schule ist in Japan ganz anders. Hier ist Schule etwas, wo man gezwungenermaßen einige Stunden seines Tages absitzt. In Japan ist die Schule mit samt allen Mitschülern und Lehrern wie eine zweite Familie. Im Klassenzimmer Müll auf den Fußboden zu schmeißen wäre gleichbedeutend mit Abfall ins eigene Wohnzimmer wegzuwerfen. An jeder Schule gibt es ein Angebot von etwa 20-30 AGs und 80% aller Schüler besuchen eine (der Rest nutzt die Zeit für die sogenanten "Hilfsschulen", wo abends noch weiter Unterricht gegeben wird und die ein Vermögen kosten, aber gute Noten garantieren). Die AGs sind täglich, auch samstags und sonntags, und gehen durchschnittlich von 16:30 Uhr bis 18:30 Uhr. Am beliebtesten sind die Sport-AGs. Die Jungen vom Baseballteam sind wahre Helden und trainieren schon vor der Schule, in der Mittagspause und nach der Schule bis ca. 20:00 Uhr. Danach gehen sie nach Hause, lassen sich von der Mutter das Abendessen vor den Fernseher bringen, gehen baden und fallen ins Bett. Die Emanzipation in Japan ist noch nicht so weit. Zwar gibt es Mädchen im Baseballteam, doch deren Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Trikots immer frisch gewaschen sind und kalter Tee in den Pausen bereit steht. Aber es gibt auch Mädchenteams, zum Beispiel in Volleyball und Basketball. Neben Sport-AGs, worunter auch alle bekannten asiatischen Kampfsportarten sind (ich habe ein halbes Jahr lang Kendo gemacht, japanischer Stockkampf), gibt es noch Sachen wie Kalligraphie, Kunst, Fotographie, Computer, Chemie etc.
Unterricht in Japan ist ein reiner Vortrag des Lehers. Es gibt keine mündliche Beteiligung. Man sitzt da, hört sich das an, was der Lehrer 50 Min. lang erzählt, schreibt mit und lernt es zu Hause auswendig. Oder auch nicht. Ich habe auch Schüler erlebt, die im Unterricht eingeschlafen sind ohne vom Lehrer geweckt zu werden. Ein einziges mal habe ich nitbekommen, dass sich ein Schüler gemeldet hat und das war, weil er ein Schriftzeichen an der Tafel nicht lesen konnte. Meine Schule hatte sich "international Education" zu ihrem Leitmotiv gemacht. Seit sechs Jahren gab es jährlich 4-8 Austauschschüler. Wir hatten eine eigene Klasse mit eigener Lehrerin (sie war wirklich nur für die "International Students" an der Schule) und einmal täglich Japanischunterricht. Den Rest der Zeit sollten wir mit unserer japanischen Klasse verbringen, aber... Wir waren zu acht (drei Amerikaner, eine Schottin, eine Australierin, eine Philippinerin, noch ein weiterer Deutscher und ich), konnten uns besser unterhalten (Japaner sprechen extrem schlecht englisch) und waren uns in unserer Art viel ähnlicher. Wir haben über die gleichen Witze gelacht, hatten die gleichen Probleme und die gleiche Vorstellung, wie wir unsere Freiziet verbringen wollten. Deswegen habe ich, obwohl es eigentlich schade ist, fast mein ganzes Jahr über keinen richtigen Kontakt zu Japanern gehabt. Man ist zusammen ins Kino gegangen oder in die Stadt "bummeln". Das war`s aber auch schon.
Den Sommer über gab es sogar noch "Short-Stay"-Austauschschüler, die nur 4-8 Wochen in Japan waren. Darunter waren eine Chinesin, noch einmal drei Amerikaner, zwei Kanadier und fünf Neuseeländer. Also wirklich "international".

Fazit

Insgesamt hat sich das Jahr auf jeden Fall gelohnt. Mit ein bißchen lernen habe ich ein ordentliches Japanisch gelernt und vieles, was mir auf den ersten Blick als ungut oder negativ an der japanischen Gesellschaft erschien, hat sich im Laufe des Jahres in ein anderes Blickfeld grückt. Auch wenn uns vieles Japanische komisch oder sogar schlecht vorkommt, hat es doch alles seinen Sinn und ich glaube, den habe ich gegen Ende des Jahres, nachdem ich alles ein bißchen kennengelernt hatte, verstehen und schätzen gelernt.
Oft wenn ich etwas von Japan erzähle, sagen die Leute: "ach du Schande!" oder "nein echt? Wie schrecklich!" und ich kann mir vorstellen, dass einige beim Lesen dieses Berichts an der ein oder anderen Stelle sich auch an den Kopf gefaßt haben werden. Das läßt sich wohl nicht vermeiden, dazu sind die beiden Kulturen zu unterschiedlich. Trotzdem will ich noch sagen, dass das alles nicht so negativ ist, wie es auf den ersten Blick aussehen mag, sondern einfach nur eine Gesellschaft ist, die mit komplett anderen Wertvorstellung, einer komplett anderen Religion und unter einer komplett anderen Geschichte entstanden ist. Erst als ich die drei Faktoren kennengelernt hatte, habe ich Japan angefangen zu mögen. Und jetzt liebe ich es.



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Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium (www.wdg.de) - Sonja Rogusch - 08.09.1999