Austausch in Rumänien:

Inhalt:


1. Vorwort
2. Rumänien allgemein
3. Die Sprache
4. Die Menschen
5. Das rumänische Schulsystem
6. Deutsche Schulen
7. Die Lehrer

Vorwort:
"Du spinnst doch, das kommt gar nicht in Frage!" Das waren die 1.Worte meines Vaters, nachdem ich ihm von meiner Entscheidung, nach Rumänien zu gehen, erzählt habe. Meine Mutter reagierte da etwas cooler, wahrscheinlich aber auch nur, weil sie mich nicht ernst genommen hat. Trotz allem habe ich es aber geschafft, 3 Jahre nachdem ich zum 1. mal die Existenz eines Landes mit dem Namen `Rumänien` wahr genommen hatte, ein Austauschjahr dort zu verbringen. Aber warum denn ausgerechnet Rumänien ? Diese Frage habe ich oft beantwortet bevor ich gefahren bin. Vielleicht, weil es sich lohnt, mal etwas anderes zu versuchen, und nicht nach Frankreich, in die USA oder nach England zu fahren ? Vielleicht auch, weil der Osten in der Entwicklung der letzten Jahre immer wichtiger für Europa geworden ist ? Vielleicht, weil Rumänien ein schönes Land ist, an der Schwarzmeerküste mit wunderschönen Landschaften? Sicher, das alles sind Gründe, sich für Rumänien zu entscheiden, aber nicht für mich. Mein Grund war ein anderer, für Einige mag er vollkommen banal sein, aber ich bin kein Mensch, der einen Traum aufgibt. Und auch, wenn ich mein Austauschjahr frühzeitig abgebrochen habe und fünf Monate eher als geplant nach Deutschland zurückgekehrt bin, bereue ich meine Entscheidung nicht. Es war eine wertvolle Erfahrung und ich kann nur Jedem, der darüber nachdenkt, nach Rumänien zu fahren, sagen, daß es sich lohnt. Ein deutscher Zivildienstleistender in Rumänien hat einmal gesagt, daß das Land ein Verstärker im Leben sei, "wenn man das geschafft hat, dann haut einen so schnell nichts mehr um". Ich schätze, das stimmt. (Kathi Scheidereiter )

Rumänien allgemein:
Rumänien liegt, im Gegensatz zu den Überzeugungen vieler Deutscher noch in Europa; und zwar im äußersten Südosten Europas. Von der Fläche her ist es genauso groß wie die BRD (mit allerdings nur 25 Millionen Einwohnern). Die Nachbarländer Rumäniens sind Ungarn, die Ukraine, das ehem. Jugoslawien und Bulgarien. Die Hauptstadt Bukarest (nicht Budapest !) hat etwa 2,3 Mill. Einwohner und wurde früher oft "Klein Paris" genannt. Ein Reiseführer beschreibt Bukarest als "durchaus lohnender Programmpunkt einer Rumänienreise". Ich denke, es ist viel mehr als das. Diese Stadt hat viele verschiedene Gesichter, sie hat dieses romantische Flair des Südens, diese ganz besondere Atmosphäre, die man sofort spürt, wenn man im Nordbahnhof aus dem Zug steigt. Auf der anderen Seite kann man aber auch, wie in jeder Metropole gut einkaufen gehen, Sightseeing machen oder abends ausgehen (ich empfehle den Backstage Club). Natürlich hat der Kommunismus aber auch hier, wie im ganzen Land seine Spuren hinterlassen. Ein Beispiel ist der "Casa Populurui", der Palast des ehem. Diktators Ceausescu , das 2.grösste Gebäude der Welt. Extra für diesen Palast wurde ein ganzes Stadtviertel der Altstadt zerstört. Und natürlich ist in Bukarest die Armut des Landes viel offensichtlicher, viel gegenwärtiger als anderswo in Rumänien. Eine Bukaresterin hat mal zu mir gesagt, daß Bukarest nur von diesen drei Dingen genug hat, von herumstreunenden Katzen, von herumstreunenden Hunden und von herumstreunenden Kindern. So bitter das auch klingen mag, muß ich es leider bestätigen, Bukarest ist trotz allem immer noch eine Stadt, die Hilfe aus dem Westen braucht. Die 2. größte Stadt, mit etwa 500 000 Einwohnern ist Brasov (auf Deutsch Kronstadt). Die Stadt, in der ich mein Austauschjahr verbracht habe, Timisoara, dt.Temeschburg, liegt mit ungefähr 350 000 Einwohnern auf Platz 4.

Die Sprache:
Rumänisch ist eine romanische Sprache und hat deshalb sehr viele Sprachparallelen mit dem Lateinischen. Einige behaupten sogar, es sei die Latein-ähnlichste Sprache überhaupt. So hatte ich es nach sechs Jahren Latein natürlich einfacher die Sprache zu lernen... Hier ein paar Beispiele: pot ( rum.= ich kann ) im Gegensatz zu posse ( lat. = können ), tu und te sind im Rumänischen genauso, und das qu im Lateinischen wird im Rumänischen als p zusammengezogen. So wird aus dem Wort Aqua = Apa, Anima wird zu Inima, aber auch englische und deutsche Originale, wie z.B. weekend, train, Rucksack oder Abziehbild lassen sich in der rumänischen Sprache finden.

Die Menschen:
Im Allgemeinen kann man sagen, daß die Rumänen sehr gastfreundlich sind (im Gegensatz zu den Deutschen...) ich wurde super gut aufgenommen, Jeder kam auf mich zu und half mir dabei, mich einzuleben. Allerdings blieb es dann auch bei dieser oberflächlichen Freundlichkeit. Es gab keine tieferen zwischenmenschlichen Beziehungen. Vielleicht lag es auch daran, daß ich in eine 11. Klasse mit etwa 25 Schülern kam, die sich alle untereinander schon mindestens 7 Jahre kannten, und es ist natürlich immer schwierig, sich in so eine Gemeinschaft zu integrieren. Und es gab auch noch das Problem mit der Sprache. Ich weiß noch, wie ich nach meinem 1. Schultag mit etwa der halben Klasse in einem Café saß, alle um mich herum rumänisch sprachen, und ich nichts verstand. Auf einmal lachten alle und guckten mich verstohlen an. In diesem Moment schwor ich mir, so schnell wie möglich die Sprache zu lernen. Allerdings stellte sich das als etwas schwierig heraus, denn in der Schule sprach ich nur deutsch, und auch meine Gastfamilie war deutschsprachig. Erst als ich dann meinen 1. rumänischen Freund hatte, klappte das besser... Aber leider muß ich an dieser Stelle noch erwähnen, daß auch die Rumänen den Deutschen gegenüber Vorurteile haben. Zum Beispiel sagen sie, daß alle Deutschen Nazis seien. Oder was ich auch oft gehört habe, das war der Spruch: "Komm, Du kannst doch mal einen ausgeben, Du kommst doch schließlich aus dem reichen Westen!"(...) Ich denke, das sind grundsätzliche Probleme zwischen Rumänien und Deutschland, die nicht von heute auf morgen aus der Welt geschafft werden können. Und gerade deswegen ist es wichtig, daß Deutschland und jeder einzelne von uns dieses Land nicht einfach vergißt. Vielleicht können die Beitrittsgespräche der EU für Rumänien ein Anfang sein.

Das rumänische Schulsystem:
Allgemein:
In Rumänien gibt es, wie bei uns, zuerst einmal die Grundschule, danach kommt das Lyzeum (altdeutscher Begriff für Gymnasium) von der 5. bis zur 12. Klasse. Die Lyzeen sind verschieden schwierig, ähnlich wie in Deutschland die Unterschiede zwischen Hauptschule und Gymnasium, entsprechend ist der Ruf der einen oder anderen Schule. Der Unterricht ist von 7.30 Uhr bis 14 Uhr. Etwa 5 der 7 Stunden dauern nicht 45 min. sondern 50 min. Das hört sich nicht soviel an, wenn man aber 6 Schuljahre lang an 45- min- Stunden gewöhnt ist, dann kommen einem diese weiteren 5 min. wie eine Ewigkeit vor. ( Wer schon einmal in einer Mathestunde dem Ende zugefiebert hat, der weiß was ich meine...)

Deutsche Schulen:
In Rumänien gibt es in jeder größeren Stadt (in Rumänien heißt das mehr als 25000 Einwohner) eine deutsche Schule. Eingerichtet wurden sie für die Kinder deutsch-stämmiger Familien, von denen es immer noch ein paar gibt, aber auch für die, die 2-sprachig aufwachsen oder das deutsche Sprachdiplom machen möchten. In ganz Rumänien kann man sich eigentlich mit deutsch relativ gut zurecht finden. Fast jeder spricht zumindest ein paar Brocken. ( In unserem Stammlokal neben der Schule lief z.B. ständig Viva im Fernsehen). Diese deutschen Schulen unterrichten alle Fächer auf deutsch, außer Englisch, Französisch, Rumänisch, Geschichte Rumäniens und orthodoxe Religion. Meine Schule, das Lenau-Lyzeum in Temeswar: Timisoara ist der Knotenpunkt des Banats, es gibt dort neben Rumänen viele Ungarn, aber auch Deutsche. Deswegen hat das Nikolaus-Lenau-Lyzeum, die einzige deutsche Schule der Stadt natürlich eine lange Tradition. Das eigentliche Lyzeum, vergleichbar mit unserer Oberstufe beginnt dort mit der 9.Klasse. Von da an muß man sich auch entscheiden, welche "Leistungskurse" man wählt. Das heißt, es gibt 3 unterschiedlich orientierte Klassen, für die man verschieden schwierige Aufnahmeprüfungen ablegen muß. Es gibt einmal die Humanklasse, mit Schwerpunkt rumänisch/französisch (beides Fächer, in denen ich nicht so viel Erfahrung hatte...), dann eine Klasse mit Informatik und Mathematik als Hauptfächer, und da das auch nicht so meine Lieblingsfächer sind, habe ich mich für die 3.Möglichkeit, die Chemie-Physikklasse entschieden. Das bedeutete für mich 5 Stunden Chemie die Woche, 4 Stunden Physik, 4 Stunden Mathe (Analysis und Algebra) u.a. Und fast jede Stunde schriftliche Unterrichtsüberprüfungen. Einmal im Halbjahr werden schriftliche Prüfungen abgelegt, vergleichbar mit den Klausuren hier, allerdings nur in 5 Fächern, die man sich auch nicht aussuchen kann. Außerdem bekommt man ein Notenbuch, in das die Lehrer nach fast jeder Stunde die Note der Unterrichtsbeteiligung eintragen. So hat man am Ende des Semesters eine Liste mit allen schr. und mündl. Noten vorliegen. Daraus wird dann die Mittelnote, die Zeugnisnote errechnet. Das ist wohl ein ganz gutes System, weil man so die Entscheidungen des Lehrers nachvollziehen kann, es gibt keine willkürliche Benotung. Außerdem bekommt man für seine Anstrengungen auf diese Weise direkt ein Erfolgserlebnis - das motiviert. Das Noten - bzw. Punktesystem ist ganz anders als das unsrige. Es gibt die Noten 1-10. Wobei 10 die beste Note ist. Mit einer 4,5 hat man gerade noch bestanden und ab 4 ist man durchgefallen (vor allem in Mathe hatte ich durchgehend die Note 3 !)

Die Lehrer:
Generell sind die Lehrer sehr streng, sie machen sehr schwierigen Unterricht, nur Theorie, keine Praxis, keine Individualitätsbildung, keine eigene Meinung. In Rumänien hat der Ausspruch "Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir" keine Bedeutung. Und doch sind die Lehrer auf der anderen Seite sehr herzlich. An seinem Geburtstag zum Beispiel bekommt man Küßchen und Glückwünsche von den Lehrerinnen, und die rumänischen Lehrer im allgemeinen sorgen sich um ihre Schüler.

Diesen Bericht widme ich Robby, meinem Schatzi, Ramona, der nettesten Rumänien der Welt und meiner Mutter, die immer so viel Verständnis hat.

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Kathi Scheidereiter - Wilhelm Dörpfel Gymnasium - 18.05.2000